Blog #002 Dein Verstand erzählt Dir Geschichten

Mein Name ist Sabine Bimmler und ich freue mich heute darauf mit dir über deinen Verstand zu reden und dir zu erklären, wie dein Verstand dich eigentlich in die Irre führt.

 

Es ist so, dass wir als komplexe Wesen unheimlich stolz sind auf unser Gehirn und auf all das, was unser Gehirn kann. Und das ist nachvollziehbar. Ich finde es auch toll. Aus meiner Arbeit aber weiß ich, dass unser Gehirn wahnsinnig fehleranfällig ist, gerade wenn große Gefühle im Spiel sind. Dann ist unser Gehirn einfach leicht in die Irre zu führen. Das Wichtigste, was du zu Beginn einer Therapie lernen kannst: Distanziere dich von dem, was dein Verstand dir gerade erzählt. Einer meiner Lieblingssprüche ist deswegen „Ich glaube mir nicht alles, was ich denke!“.

Die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, denken, alles, was sie denken, ist wahr. Das ist aber nicht so. Große Philosophen haben sich schon mit dem Thema Konstruktivismus beschäftigt. Wir konstruieren unsere Wirklichkeit und unser Verstand erzählt uns dazu passende Geschichten.

 

Was das bedeutet, würde ich in der heutigen Folge gerne an einem Beispiel verdeutlichen. Petra ist 40 Jahre alt. Sie kommt in meine Praxis. Sie hat zwei Kinder, einen Mann, der viel beruflich unterwegs ist. Vielleicht betrügt er sie sogar. Sie haben ein Haus gebaut, jede Menge Schulden. Petra ist noch in Elternzeit. Ihre Tochter ist leider chronisch erkrankt an Morbus Crohn. Die Situation ist verfahren. Petra ist erschöpft, nicht glücklich in ihrem Leben und ihr Verstand beginnt ihr Geschichten zu erzählen. Der sagt dann so etwas wie: „Nichts in deinem Leben läuft richtig. Du entscheidest dich immer für die falschen Männer. Schon Dein Vater hat sich nie um deine Bedürfnisse gekümmert und auch dein Bruder zu Hause nicht. Eigentlich kümmert sich überhaupt niemand um dich!“ und so weiter und so weiter. Tag ein, Tag aus „trichtert“ ihr Verstand das sozusagen ein. Und er sieht immer mehr Dinge in ihrem Leben, die auch nicht so laufen, wie sie es geplant hat. Und er sieht immer mehr Belastungen auf ihren Schultern und erzählt davon, wie groß die Belastungen sind. Der Verstand schaut durch einen Filter auf die Welt. Der Filter heißt „Niemand nimmt Rücksicht auf mich. Nichts klappt, was ich versuche.“. All das erlebt Petra jeden Tag. Selbst wenn sie keinen Euro für den Einkaufswagen hat, nimmt ihr Verstand das zum Anlass, ihr zu sagen: „Siehst du Petra. Nichts läuft so, wie du es dir vorstellst. Dein Leben ist einfach scheiße.“

Stellen wir uns vor, wir hätten Petra zu einem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben kennengelernt. Zum Beispiel kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes. Damals war sie frisch verheiratet, die Beziehung war noch in Ordnung. Sie hat sich ein Kind gewünscht, das Kind ist zur Welt gekommen. Sie wusste noch nicht, dass ihr Kind krank ist. Wahrscheinlich hätten wir sie im Schwung der Hormone nach der Schwangerschaft und im Zuge dieses Lebensereignisses, was viel Glück mit in ihr Leben gebracht hat, in einer ganz anderen Stimmung getroffen und ihr Verstand hätte ihr selbst ganz andere Dinge erzählt. Oder vielmehr hat er das damals auch. Er hat wahrscheinlich so etwas gesagt wie: „Schau, jetzt hast du das, was du dir immer gewünscht hast. Es ist das größte Glück Mutter zu werden. Du hast einen Mann, du hast ein Kind, ihr baut gerade ein Haus. Alles ist ganz wunderbar.“. Und wenn dann Dinge, Kleinigkeiten im Alltag nicht so gelaufen sind, wie Petra sich das vorgestellt hat, hat ihr Verstand so etwas gesagt wie: „Naja, ist doch gar nicht schlimm, dann läuft eben nicht so. Hauptsache dem Kind geht es gut. Schau mal, dass du gut auf dich aufpasst.“ Das heißt, ihr Verstand war in einer ganz anderen Grundausrichtung.

 

Kommen wir zurück auf das Beispiel des Filters. Der Verstand hatte zu diesem Zeitpunkt einen ganz anderen Filter und hat die Welt durch eine ganz andere Brille gesehen. Er erzählte ihr deswegen ganz andere Geschichten und reagierte auf Herausforderungen und Probleme ganz anders. Das kennst du vielleicht selber von dir auch. Wenn du gut geschlafen hast, morgens aufstehst und in aller Ruhe in den Tag startest, erzählt dein Verstand dir ganz andere Geschichten. Der Filter ist ein anderer, wenn du eine schlechte Nacht hast, mehrfach die Nacht aufgewacht bist, nicht wieder einschlafen konntest und gegrübelt hast. Sofort hat unser Verstand morgens einen anderen Filter vor den Augen und sofort erzählt er ganz andere Geschichten, die ganz anders eingefärbt sind. Warum beschäftigen wir uns hier überhaupt damit? Ganz einfach, ich komme noch einmal zurück auf dieses so wichtige Zitat „Ich glaube mir nicht alles was ich denke!“ Ich rate dir zu lernen, dich von deinem Verstand zu distanzieren. Also einen Schritt zurückzutreten und dir beim Denken zuzuschauen und festzustellen „Ah, heute denke ich in einer bestimmten Art und Weise, weil ich einen Filter vor den Augen habe. Auf Grund des Filters erzählt mein Verstand mir Geschichten“.

 

Und jetzt kommt der zweite wichtige Aspekt: unsere Gedanken haben, wenn wir mit ihnen verschmelzen, d.h. wenn wir sie als Wahrheit ansehen, unmittelbare Durchschlagskraft auf unsere Gefühle. Wenn mein Verstand durch einen eher grau-schwarzen Filter auf die Welt guckt und mir schlimme Geschichten erzählt und ich diese Geschichten als Wahrheit betrachte, hängen sich automatisch Gefühle wie Traurigkeit, Angst und Hilflosigkeit daran.

Machen wir das mal wieder am Beispiel von Petra fest. Ich glaube, dann wird es anschaulicher. Also, Petra ist in dieser akuten Erschöpfungssituation. Die Beziehung läuft nicht, sie hat existenzielle Nöte, ihr Kind ist krank. Ihr geht es alles andere als gut. Der Filter, den sie vor den Augen hat, erzählt ihr die ganze Zeit: „Andere Personen nehmen nie Rücksicht auf dich. Eigentlich kümmert sich niemand um deine Bedürfnisse und nichts, was du in deinem Leben angepackt hast, hat irgendwie geklappt.“ Welche Gefühle bringt das mit sich, wenn sich unsere Petra die ganze Zeit diese Geschichten anhört? In einer Tour, jeden Tag. Selbst beim Euro im Einkaufswagen. Selbst an der Tankstelle, wenn sie warten muss. Und wenn sie mit ihrem Kind wieder zum Kinderarzt fährt, umso mehr, und wenn sie sich abends mit ihrem Partner streitet, die ganze Nacht. Welche Gefühle weckt das? Sie fühlt sich hilflos. Sie hat das Gefühl, sie kann nichts machen, alles läuft gegen sie. Und daraus resultiert eine Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit ist etwas (das in der Psychologie tatsächlich schon etliche Male bewiesen worden), ein Gefühl, mit dem wir Menschen in der Regel nicht gut umgehen können. Gerdae wenn es auf Dauer besteht. Wir halten solche Situationen mal kurz aus. Aber wenn wir längere Zeit in einer Falle stecken, dann macht uns das krank. Das fördert eine bestimmte Art zu denken. Und es macht irgendwann auch eine bestimmte Art zu fühlen. Das Ganze verfestigt sich und dann führt es zum Beispiel zu handfesten Depressionen oder Ängsten.

 

Tatsächlich ist dieses Gefühl in der Falle zu sitzen und nichts tun zu können etwas, was ganz eng mit der Entstehung von Depressionen in Verbindung gebracht wird. Da ist unser Gehirn leider anfällig, weil es sich an eine Art zu denken unheimlich schnell gewöhnt. Das liegt daran, dass wir für diese Gedankenart und die damit zusammenhängenden Gefühle unheimlich viele Synapsen im Gehirn gebildet werden. Wir trainieren unser Gehirn in unguter Weise. Es wird immer schwieriger sich wieder eine andere Art zu denken anzutrainieren. Ratschläge wie: „Denkt doch einfach positiv.“, greifen daher nicht.  Ich bin sowieso kein Freund des positiven Denkens, aber ich liebe die positive Psychologie. Der Unterschied ist groß.

 

Für mich ist es wichtig, dass du folgendes mitnimmst: Der erste Schritt ist, sich beim Denken zuzugucken. Stell dir vor, du trittst quasi neben dich und schaust dir zu. Du überlegst dir, welchen Filter du gerade vor Augen hast und was dein Verstand dir auf Grund dieses Filters immer wieder erzählt.

Und zu welchen Gefühlen führt das eigentlich? Gedanken, Gefühle und Verhalten hängen unglaublich eng zusammen.

 

Wir haben uns heute bisher sehr stark mit dem Thema Gedanken beschäftigt. In der ersten Folge habe ich dir vorgeschlagen, deine Geschichte aufzuschreiben. Deine Geschichte darüber, was eigentlich gerade mit dir los ist. Was herrscht vor? Wie ist das Ganze gekommen? Achtung! Dein Gehirn hat dir deine Geschichte in einer bestimmten Art und Weise erzählt. Und heute möchte ich dich wirklich auffordern, nochmal durch diese Geschichte zu gehen und zu überlegen, mit welchem Filter hat mein Gehirn mir diese Geschichte erzählt. Da hast du ja auch die Ressourcen-Frage kennengelernt. „Also, hast du schon mal eine ähnliche Situation erlebt und wie bist du damals rausgekommen? Welche Eigenschaften, Stärken, Hobbys haben dir gut getan, um aus der Situation hinauszukommen?“ Diese Art der Fragestellung ist ein bewusster Austausch des Filters. Das heißt, ich könnte dich auch fragen zu Beginn einer Therapie: „Erzähl mir von dir und deinem Leben und berichte mir über die aktuelle Situation, in die du geraten bist. Behalte aber im Hinterkopf, dass du mir bitte unbedingt alles benennst, was in deinem Leben bisher gut und wunschgemäß gelaufen ist.“. Wenn ich versuche, diesen Filter einzubringen am Anfang oder zu Beginn der Therapie, höre ich oft eine ganz andere Geschichte. Dann kommen wir zwar auch an den Punkt, an dem wir über die problematische Situation reden, aber die Geschichte ist anders geprägt, weil ein anderer Filter drauf ist.

 

So, jetzt noch einmal kurz zum Zusammenhang: Gedanken, Gefühle, Verhalten. Stell dir das Ganze als ein Dreieck vor. Die eine Ecke steht für die Gedanken. Die zweite Ecke des Dreiecks sind die Gefühle. Die dritte Ecke des Dreiecks ist das Verhalten& der Körper. Diese drei Dinge stehen in enger Wechselwirkung miteinander. Das heißt, die Art, wie wir denken, hat direkten Einfluss auf unsere Gefühlswelt und hat auch einen direkten Einfluss darauf, wie wir uns Verhalten, beziehungsweise wie unser Körper sich anfühlt.

Ich mache das wieder am Beispiel der Hilflosigkeit fest. Wenn wir starke Hilflosigkeitsgefühle haben, sorgt das auf der körperlichen Ebene in der Regel dafür, dass wir wahnsinnig kraftlos sind. Der Muskeltonus geht runter, die Schultern hängen, wir sacken körperlich resigniert zusammen. Und auf der Gefühlsebene stehen eben Hilflosigkeit, vielleicht Verzweiflung, Traurigkeit, all diese Gefühle. Du kannst dir vorstellen, dass das ein Paket ist, was sich wirklich äußerst ungünstig anfühlt. Vielleicht bist du da jetzt gerade drin?

Ich habe die Abbildung des Dreiecks mal in die Shownotes gepackt und vielleicht überlegst du mal: „Was sind meine Gedanken, die sich im Augenblick wieder und wieder wiederholen? Zu welcher Art von Gefühlen führt das bei mir? Welche Gefühle erlebe ich im Augenblick sehr viel?“Und Körper, Verhalten. Was macht das mit mir? Wie verhalte ich mich deswegen anders? Was produziert mein Körper für Symptome, wenn ich lange in einer hilflosen Situation bin? Petra wird zum Beispiel unheimlich viel weinen. Vielleicht entwickelt sie auch Verspannungen im Schulter- und Rückenbereich. Vielleicht entwickelt sie Rückenschmerzen im unteren Rücken oder gastroenterologische Beschwerden, im Magen-Darm-Trakt. Das gilt es jetzt sehr individuell anzuschauen und das wäre auch etwas, was ich dir vorschlagen würde.

Nimm dir einfach mal das Dreieck. Schau mal welche Art von Gedanken sich im Augenblick in deinem Leben stetig wiederholen. Schreib sie einfach mal auf daneben auf. Und als nächstes überlege dir: Was für Gefühle sind mit diesen Gedanken verbunden? Und was macht das auf der Verhaltens- und auf der körperlichen Ebene? Du kannst dir da ganz konkrete Situationen raussuchen, zum Beispiel: Du hast dich gerade mit jemandem gestritten und dann passiert das.

 

Warum sind diese Stimmungen, mit denen du zu tun hast, eigentlich so stabil? Das hat etwas damit zu tun, dass die Wechselwirkung zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhalten unheimlich stabilisierend auf das System wirkt. Und das gilt es zu „knacken“. Wie du das „knacken“ kannst, wo du ansetzen kannst, das erzähle ich dir wiederum in einer nächsten Folge.

 

Danke, dass du dir heute die Zeit genommen und hier gelesen hast. Du hast etwas für dich getan. Das ist super! Darum geht es ja hier in diesem Podcast. Er soll dir helfen, in deinem Ausnahmezustand wieder mehr Orientierung und Pack hinzukriegen. Wenn dir die Folge gefallen hat, freue ich mich wenn du mir Kommentare dazu schickst oder wenn du sie mit „Gefällt mir“ markierst.  likest. Und du weißt ja, ich habe das auch beim letzten Mal schon gesagt: wenn es Themen gibt, die dich beschäftigen, wenn es etwas gibt, was du nicht verstanden hast, wenn du zu etwas mehr wissen willst, sei so gut und lass mich wissen. Meine Idee ist, dass ich diesen Podcast so gestalte, dass er dir hilft und das kann ich am besten, wenn du mich wissen lässt, was dich gerade beschäftigt.

Ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag und ich hoffe, dass du es heute schaffst, einen Filter aufzusetzen, der dich all das sehen lässt, was in deinem Leben gut ist. Und das können manchmal Kleinigkeiten sein. Ein Mensch, der dich anlächelt, ein schönes Bild im Himmel, vielleicht das Wetter draußen, ein Sonnenstrahl, der dich trifft oder einen leckeren Tee, den du dir irgendwo gönnst. Manchmal liegt das Glück in den kleinen Dingen. Und ich hoffe, dass dieser Tag viele dieser Dinge für dich bereithält.

Für heute sage ich Tschüss, lies doch wieder rein.

Ich würde mich freuen, bis dahin

deine Sabine.