Blog #005 Brauchst Du eine Psychotherapie?

Heute würde ich dir gerne helfen, eine Antwort auf die Frage zu finden: Brauche ich denn nun eine Psychotherapie oder nicht?  

Wie du dir vorstellen kannst, kannst nur du diese Frage beantworten. Trotzdem möchte ich dir gerne erklären, wie sich ein Therapeut auf der anderen Seite ein Bild von deiner Situation verschafft. Er muss ja auch eine Antwort auf diese Frage finden. Braucht die Person, die da vor mir sitzt, eigentlich eine Psychotherapie? Dieser Prozess hat sich dadurch noch einmal deutlich verändert, dass Psychotherapie ja auch eine Leistung ist, die von den Krankenkassen bezahlt wird. Als eine reine Selbstzahler Leistung war der Therapeut weniger in der Pflicht. Die Menschen haben für sich diese Entscheidung recht frei treffen können, wann immer sie das Gefühl hatten – ich brauche da jetzt Hilfe, ich brauche Unterstützung. Das ist heute natürlich auch noch so, wenn jemand seine Psychotherapie selbst bezahlen möchte. Die meisten Menschen, die eine Psychotherapie beginnen, gehen davon aus dass ihre Krankenversicherung die Kosten übernimmt. Die Krankenversicherung sagt: Das tun wir auch, allerdings nur wenn „krankheitswertige Störung“ vorliegt. Und das muss der Therapeut eben prüfen.  

Ich nehme an, wenn du das hier liest, stellst du dir die Frage: Brauche ich denn nun eine Psychotherapie oder nicht? Und ich würde dir gerne mal am Beispiel der Depression erklären, wie man sich einer Antwort nähern kann. Die Depression nehme ich, weil sie so häufig vorkommt.
Also wir gehen erst mal davon aus, du kommst zu mir in die Praxis und sagst: Ich habe eine Depression. Ich brauche Hilfe. Dann würde ich sagen: Okay. Erzählen Sie mir mal, was genau denn los ist? Wie in Folge eins dieses Podcastes beschrieben. Und dann würde ich mir anhören, was du für Symptome hast. Als Therapeut brauche ich eine Symptombeschreibung, um die Auflagen der Krankenkasse zu erfüllen. Bei der Depression gibt es drei sogenannte Kernsymptome gibt. Die würde ich suchen. Das erste ist die sogenannte depressive Stimmung. Die ist auch in einem „Krankheits-Katalog“, dem sogenannten ICD-10, genau erklärt. Auf das ICD-10, beziehungsweise auf das amerikanische Pendant, das DSM, greifen alle Ärzte und Therapeuten zurück. Das ist sozusagen das Werk, in dem alle Krankheiten auf der Symptom- Ebene beschrieben sind.  Im ICD-10 steht zur Depression folgendes: 1. Kernssymptome Depressive Stimmung. Genauer – du solltest die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag der Woche, des Monats eine deutliche Traurigkeit oder Leere in dir fühlen. Und andere Menschen, die mit ihr zusammen sind, sollten das auch wahrnehmen. Sie sollten das Gefühl haben, du bist ständig den Tränen nahe. Und wenn das der Fall ist, wenn du sagst: „Ja, so ist das bei mir so ist das in den letzten Wochen gewesen. Ich bin jeden Tag, völlig unbeeinflusst von dem was mir an dem Tag passiert, sehr traurig. Ich fühle so eine innere Leere und das ändert sich auch gar nicht über den Tag. Ist morgens, mittags, abends so. Selbst wenn mir irgendetwas passiert, was früher mal schön für mich war, diese Stimmung bleibt. Ich fühl‘ da fast gar nichts mehr. Wenn es so ist, hättest du das erste Kernsymptom der Depression erfüllt. Dann würden wir über das zweite Symptom sprechen. „Wie ist das denn mit deinem Interesse und deiner Freude? Es gibt ja Dinge, die dir früher vielleicht mal oder die normalerweise sehr angenehm sind, die dir Freude machen. Für die du dich interessierst. Wie ist denn das derzeit?“ In der Depression ist es so, dass ein vermindertes Interesse und eine verminderte Freude vorliegt, an allen Tätigkeiten oder zumindest an fast allen. Wie ist das, wenn dein Kind dich anlacht? Das wäre dann das zweite Kriterium, um zu entscheiden, ob eine Depression im Sinne des ICD-10 vorliegt oder nicht. Das dritte Symptom der Depression ist der verminderte Antrieb oder die gesteigerte Ermüdung. Gibt es ein Energieverlust oder eine Müdigkeit an fast allen Tagen, die ungewöhnlich ist, in ungewöhnlichem Ausmaß? Wenn wir dieser Frage nachgegangen sind und die sozusagen bejaht hätten, dann wäre das dritte Symptom der Depression erfüllt. Das ICD-10 sagt nun sehr klar, dies ist eine Depression. Zwei dieser Symptome sollten mindestens erfüllt sein. Dann gibt es aber noch sogenannte neben Neben-Symptome. Das heißt auch…dieses Werk ist echt relativ umfangreich, weil das wird für jede Störung genau so auseinander gefriemelt wird. Also unter Neben-Symptomen finden sich Dinge wie Konzentrationsstörungen. Hast du eine verminderte Fähigkeit, zu denken, dich zu konzentrieren oder vielleicht Entscheidungen zu treffen? Was ist mit deiner Psychomotorik? Bist du psychomotorisch unruhig? Ist dein Körper unruhig, obwohl eigentlich gar kein Grund für Unruhe vorliegt? Oder bist du vielleicht eher psychomotorisch gehemmt? Das heißt, du bist schlaff und spannungslos. Alle deine Gliedmaßen hängen und du bewegst dich sehr wenig? 

Was ist mit deinem Schlaf. Hast du Schlafstörungen irgendwelcher Art? Was ist mit deinem Appetit? Hat er sich verändert? Hat er sich sehr stark gesteigert? Oder ist er vielleicht sogar verloren gegangen? Was ist mit deinem Selbstwert? Was denkst du über dich selber? Was ist mit deinem Selbstvertrauen? Schuldgefühle. Was gibt es für unbegründete Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle, die sie innerlich stetig wiederholen?  

Wir würden uns durch diese Liste durcharbeiten und am Ende prüfen, welche Symptome erfüllt sind. Wenn wir unsere Häkchen gemacht haben, können wir hinterher sehen: ja, im Sinne des Krankenkassen Systems/ICD-10, ist das eine Depression. So funktioniert das. So arbeitet ein Therapeut bei der Diagnosestellung. Manchmal fühlt sich das für dich vielleicht gar nicht so strukturiert an, ist es aber. Der Therapeut geht erst einmal sehr offen vor und hakt das im Hintergrund ab. Wenn aber festgestellt wird, es sind nicht genug Symptome für eine Depression, dann überlegen wir, was es denn noch sein kann. Vielleicht eine Dysthemie?  Symptome sind ähnlicher Natur, aber reichen nicht für die Depression Diagnose. Dysthym heißt- über ein Jahr bist du immer traurig niedergestimmt, aber zum Beispiel nicht ganz so freudlos. Konzentration geht vielleicht gut, aber Schlaf ist getrübt. Also würden wir den Katalog für Dysthemie aufmachen und würden da wiederum gucken. Trifft das zu, was da steht? Oder wir kommen zu einer anderen „Schublade“ des ICD-10 Katalogs. Dieses System ist etwas, was die Krankenkasse uns Therapeuten abverlangt. Das kann dir natürlich auch helfen und eine Orientierung geben. Du kannst dich an den Symptomen entlang hangeln. Aber am Ende ist dein Leid entscheidend, und wie groß das ist, kannst nur du beurteilen.  Die Entscheidung, ob du dir Hilfe holst oder nicht, kannst erst einmal nur du treffen. Deswegen ist die Standortbestimmung so wichtig und diese Symptom-Checkliste, wie sie hier dargestellt habe, nur ein weiteres Puzzlestück dabei.   

Was wir jetzt am Beispiel der Depression durchgegangen sind, gibt es für lle möglichen psychischen Erkrankungen. Natürlich auch für das Thema Angst. Angst wird im ICD-10 in zwei Bereiche unterteilt. Es gibt die sogenannten Phobien. Da gibt es eine eindeutig definierte Situation, die Angst auslöst. Zum Beispiel engen Räumen, großen Menschenmassen oder Spinnen. Auch hier gibt es wieder diese Symptom-Checklisten. 

Dann gibt es noch die „anderen Angststörungen“, zum Beispiel die generalisierte Angststörung. Menschen, die darunter leiden, die kommen aus dem Grübeln nicht mehr raus. Die Ängste setzen sich auf Beziehungsthemen, berufliche Themen und Gesundheitsthemen. Auf alles Mögliche. Das heißt, diese Personen, die grübeln eigentlich den ganzen Tag. Also wenn du dich hier angesprochen fühlst, dann könntest du die Symptome von der Generalisierten Angststörung mal durchlesen. Ich verlinke Infos zu Depressionen und Ängsten in den Shownotes der Podcast-Folge. Selbst wenn du im Internet einfach diese Schlagworte googles, findest du jede Menge Symptom-Checklisten. Du findest auch das ICD-10 online. Jeder kann auf das ICD-10 zugreifen und kann sich für die einzelnen Krankheitsbilder die Symptome anschauen. Ich weiß nicht, ob ich dir das wirklich empfehlen soll. Aber möglich ist das. Aber du findest im Bereich „F“ die ganzen psychischen Erkrankungen Ich habe mich heute erst einmal auf Angst und Depression konzentriert, weil das die am häufigsten vorkommenden Störungen sind. Die Anpassungsstörung, Zwangsstörung und Essstörungen ist auch das, was in der ambulanten Therapie relativ häufig behandelt wird.
In der sog. ambulanten Therapie gehst du einmal die Woche zu einem Therapeuten, für 50 Minuten. Das Gegenstück ist die stationären Therapie, bei der du in einer Klinik bist und i.d.R. für mehrere Wochen bleibst. Erst einmal aus dem Leben raus für eine gewisse Zeit.  

Die somatoforme Störung ist auch noch sehr häufig. Eigentlich hast du das Gefühl an einer körperlichen Symptomatik zu leiden. Die Ärzte finden aber nichts und dann irgendwann sagen sie: „Das könnte psychosomatisch sein. Gehen Sie doch mal zu einem Therapeuten.“ Das wird von vielen Menschen oft als stigmatisierend oder als beleidigend empfunden. Das ist gar nicht so gemeint. Unsere Psyche kann wirklich deutliche körperliche Symptome hervorrufen. Sie ist sehr einfallsreich.  Deswegen macht das in einem eingentlich „organischen“ Suchprozess durchaus Sinn, einen Psychotherapeuten mit einzubeziehen.   

Ich spreche jetzt noch die Punkte an, bei denen ich denke: Hey, wenn das dein Thema ist, dann suchst du dir auf jeden Fall ärztliche und vermutlich auch psychotherapeutische Hilfe. Um diese Themenbereiche einfach einmal genannt zu haben.  

Demenz-Erkrankungen jeglicher Art  

Abhängigkeit oder Sucht 

Wahnvorstellung jeglicher Art 

Traumatisierungen 

Suizidgedanken 

Persönlichkeitsstörungen  

Falls du nicht sicher bist, ob eines dieser Themen deins ist- hol dir Hilfe und besprich das mit einem Arzt.  

Dieser Podcast ist natürlich für Menschen in Ausnahmesituationen geschaffen, hat aber eindeutig Grenzen. Er ist keine psychotherapeutische Behandlung und es gibt Störungen, die gehören in ärztliche psychiatrische psychotherapeutische Behandlung. Da führt kein Weg dran vorbei. Mit dem Podcast versuche ich denen zu helfen, die aus massiven Erschöpfungszuständen kommen, die in Lebenssituationen feststecken und Hilfe suchen. Für die ist dieser Podcast gemacht. Alle anderen kann er begleiten, kann zusätzliche Ideen geben, aber er ersetzt keine Behandlung.   

Wie findest Du einen Therapieplatz? Dazu habe ich eine eigene Folge gemacht, die du hören oder lesen kannst. Also, mach dich auf die Suche nach einem Therapeuten, wenn du nach deiner Recherche mit dem ICD-10 immer noch unsicher bist. Nutze dort die ersten vier bis fünf Stunden, um abzuklären, ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt. Verschaff dir vielleicht selber über diese Checklisten und über Online-Test mehr Klarheit. Du bist die allerwichtigste Größe in diesem Spiel. Wenn du sagst: „Mein Leid ist zu groß und ich schaffe es allein nicht und ich brauche Hilfe. Und ich bin vielleicht sogar noch in einem Abwärtstrend im Augenblick.“ Dann bitte gehen los werde aktiv. Hol dir Hilfe. Es gibt so viele Patienten, die mir sagen: „Ich habe mich ewig lange gequält mit der Entscheidung in eine Therapie zu gehen. Und jetzt, nach zwölf Stunden, geht es mir so viel besser. Ich habe so viel verstanden. Wäre ich nur eher gekommen.“ 

Bitte lass diesen Fehler aus. Hol dir frühzeitig Hilfe. Und du hast ja nichts zu verlieren. Es gibt ja nur mehr zu verstehen und mehr zu lernen, über dich. 

Mit dem Appell schließlich für heute. Ich hoffe, dass die Folge hilfreich für dich war. Wenn weitere Fragen entstanden sind, kannst du mich jederzeit kontaktieren. Nutze Facebook oder email. Lass mich wissen, was unklar geblieben bin. Heute wünsche ich Dir, dass Du den Rest des Tages eher auf schöne Dinge schaust. Lass dir die kleinen Glücksseligkeiten, die dir über den Weg laufen, nicht entgehen, sondern erfreue dich daran. Und in diesem Sinne sage ich heute Tschüss und bis zum nächsten Mal. Deine Sabine