Blog #006 Weniger Leid, mehr Freude

Heute würde ich dir gern den wichtigen Unterschied zwischen zwei Arten von Leid erklären. Das ist unheimlich wichtig, wenn man sein eigenes Leid verstehen will, aber auch etwas daran ändern möchte. Manchmal spreche ich auch vom Unterschied zwischen sauberen und schmutzigem Leid. Das klingt vielleicht erst mal komisch. Das kommt aus der ACT, der Acceptance- und Commitment- Therapie.

Wir fangen aber mit einer etwas allgemeineren Feststellung an. Wir Menschen haben es uns zum Ziel gesetzt, ein glückliches Leben zu führen. Und das ist nachvollziehbar. Du willst ein glückliches Leben führen, ich möchte auch ein glückliches Leben führen. Dafür übertragen wir Wissen, das wir aus anderen Lebensbereichen haben, auf das Thema Glück. Das funktioniert aber nicht.

Wieso? In anderen Lebensbereichen, zum Beispiel im Sport oder in der Schule, haben wir gelernt: Wenn ich mich nur genug anstrenge und wenn ich genug Zeit investiere, dann werde ich Erfolg haben. Also – wenn ich mich nur genug anstrenge, dann werde ich ein glückliches Leben führen. Was heißt das eigentlich? Überwiegen glücklich sein heißt, kaum noch negative Gefühle haben. Je mehr wir uns anstrengen, desto frustrierter werden wir. Die Glücksfalle. Denn das Leben hat manchmal anderes mit uns vor. Und das andere liegt außerhalb unseres Einflussbereiches. Also akzeptiere: Überleg doch einmal, was dir bisher im Leben widerfahren ist, welche Schicksalsschläge Du hattest oder welche Dinge passiert sind, die du so nicht wolltest. Wir können da nichts dagegen tun. Das Leben hält freudvoll Erfahrungen für uns bereit. Aber eben auch leidvolle Erfahrung. Ich wiederhole eigentlich nicht gerne die alten abgedroschenen Klassiker, aber es ist ein bisschen wie Licht und Schatten. Wenn wir Unglück und Schmerz nicht erleben würden, würde es uns nicht gelingen Freude zu empfinden. Weil wir ja den Unterschied nicht mehr wahrnehmen würden. Beides gehört zum Leben dazu.

Die gute Nachricht ist: die Grundausstattung, um mit negativen Gefühlen und mit Leid umzugehen, haben wir Menschen. Wir können das. Ja, du hast alles in dir, was du brauchst, um mit Leid umzugehen. Nur dieses Nicht-Wahr-Haben- Wollen, das kreiert zusätzliches Leid. Ein Beispiel: Wir nehmen mal eine Person, die heißt in diesem Fall Steffie. Steffie lebt zusammen mit ihrem Partner. Das ist der Sven. Die beiden sind beruflich sehr erfolgreich. Steffi ist 35 Jahre alt. Die beiden machen sich ein sehr schönes Leben gerade. Sie arbeiten viel, sie leisten sich aber auch viel. Und sie sind total glücklich in ihrer Beziehung. Dann passiert das, was vielen mit Mitte 30 passiert. Steffi und Sven entscheiden sich, ein Kind miteinander zu bekommen. Bisher hat alles in Steffies Leben alles relativ reibungslos funktioniert. Sie hat sich in der Schule angestrengt, hat viel gelernt, hat einen guten Schulabschluss gemacht. Sie hat sich im Studium angestrengt, hat einen guten Studienabschluss gemacht, hat einen guten Job bekommen. Sie hat irgendwann Sven kennengelernt. Die beiden verstehen sich gut, kümmern sich um ihre Beziehung. Alles ist super. Jetzt möchten sie ein Kind haben und es funktioniert nicht. Im ersten Monat klappt es nicht, im zweiten Monat auch nicht. Dann Temperatur messen… das volle Programm. Im dritten Monat wieder nichts. Steffie ist enttäuscht. Jedes Mal wenn sie wieder feststellt, dass sie eben doch nicht schwanger ist. Aber sie hält das aus. Auch im vierten, fünften und sechsten Monat, wächst die Enttäuschung. „Man muss Geduld haben.“, denkt sie sich. Jede Menge Ratschläge bekommt von ärztlicher Seite, sie liest viel. Für Steffie sind diese ersten sechs Monate, in denen es es ihr nicht gelingt schwanger zu werden, schon leidvoll. Jeden Monat aufs Neue. Sie macht sich Sorgen. Sie versucht auf ihre Ernährung zu achten, macht Sport, sie passt auf sich auf, trinkt keinen Alkohol mehr. Vermeidet stress. Versucht dafür zu sorgen, dass alles gut ist. Dass das mit der Schwangerschaft klappt. Anders ausgedrückt: Sie strengt sich an – und es klappt trotzdem nicht. Ab dem sechsten Monat ändert sich bei Steffie etwas. Sie fragt sich plötzlich das erste Mal: Was ist, wenn das mit Sven überhaupt nicht klappt, mit der Schwangerschaft? Ihr Verstand gibt ihr sozusagen diesen Gedanken herein. Das ist ein ganz entscheidender Gedanke, ein ganz entscheidender Moment im Prozess. Steffi bleibt nicht im aktuellen Moment. Sie schaut nach hinten: „Wir haben sechs Monate versucht, es hat nicht geklappt.“ Und nach vor. „Vielleicht wird es nie klappen?“Um den Schmerz auszuweichen , wird sie aktiv. Sie strengt sich noch mehr an. Sven muss zum Arzt. Sie geht zum Spezialisten. Und ihr Verstand läuft auf Hochtouren und produziert Horrorszenarien: Was ist, wenn das mit Sven überhaupt nicht klappt? Du kannst mit Sven keine Kinder haben. Die Grübelei in Steffis Kopf nimmt auf jeden Fall zu.  Was ist mit mir nicht okay als Frau? Was ist mit uns nicht okay als Paar? Was ist, wenn ich überhaupt keine Kinder kriegen kann? Grübeleien. Gedankenschleifen, die Steffi immer wieder dreht und zwar leidvolle. Sauberes Leid: sie im Augenblick nicht schwanger. Schmutziges Leid: all die Horrorszenarien, die der Verstand dreht. Plus Selbstvorwürfe („Du hättest schon lange gesünder leben müssen. Jahrelang hast du blöde Nuss die Pille genommen!“).

Das Gehirn ist ein großer Geschichtenerzähler. Das ist hier auch so. Um Steffies Geschichte drum herum fängt er an weitere Geschichten zu erzählen. Er erinnert sich plötzlich daran, dass es vor einem Jahr diesen riesen Streit gab, bei dem Steffie sich sowieso fast getrennt hätte. Und er erinnerte sie daran, dass sie ja sowieso in der Beziehung nicht überwiegend nur glücklich war. Dass nicht alles super war. Dass Sven auch ein bisschen viel raucht und viel trinkt und deswegen nicht auf seinen Körper aufpasst. Vielleicht will er also überhaupt nicht schwanger werden. Er tut ja gar nichts dafür. Und ihm macht das ja auch gar nichts aus. Also der Verstand legt los und erzählt Geschichten, die zur Stimmung passen. Ich sage das nochmal- auch wenn diese Begrifflichkeiten vielleicht ungewöhnlich sind. Zu Steffies sauberem Leid kommt nun jede Menge schmutziges Leid, verursacht durch ihren Geschichtenerzähler. Und es geht weiter. Weil unser Verstand den ganzen Tag in diese Richtung arbeitet, wenn wir freie Kapazität haben, entsteht da jede Menge Gefühl. Und zwar leidvolles Gefühl. Das ist die große Veränderung, die dazu führt, dass Steffie unter immer mehr Stress kommt. Und weil sie unter immer mehr Stress kommt, macht sie plötzlich bei der Arbeit auch Fehler und sie ist häufig gereizt. Plötzlich bekommt sie im Job Rückmeldung, mit denen sie vorher nie etwas zu tun, hatte kritische Rückmeldung. Plötzlich hat sie viel mehr Streit mit Sven, weil sie so gereizt auf ihn reagiert. Weil ihre Stimmung durch ihre Gedanken, Geschichten sowieso schon so getrübt ist und sie mächtig inneren Stress hat. Das ist eine Abwärtsspirale, in die Steffie da geraten ist. Der Einstieg war der Moment, in dem sie sich gefragt hat: Was ist wenn es mit Sven überhaupt nie klappen wird? Ihre Gedanken sind vom Hier und Jetzt in eine Horro-Zukunft gewandert. Ihr Verstand hat ihr eine zukünftige Geschichte gemalt, die schwarz gemalt war. Und weil ihr das nicht bewusst war und sie diese Geschichte geglaubt hat, ist sie in diese Abwärtsspirale geraten.

Und nun versuchen wir das mal zu übertragen auf Deine Situation. Versuche den Moment zu finden, in dem Dein schmutziges Leid angefangen hat. Was hat in meinem Leben nicht so geklappt, wie du dir das erhofft hast? Wie du das geplant hattest? Wo hat die Schieflage angefangen? Bei komplexen biografischen Geschichten ist das manchmal gar nicht so einfach. Solltest du in Folge 1 die Standortbestimmung gemacht haben, hol die Unterlagen nochmal raus und schau dort mal. Ich habe in meiner Praxis Menschen, die sagen sehr klar: „Hey, ich kann es genau benennen. Es war der Moment als der Arzt mich angerufen hat und gesagt hat: Da ist ein Tumor und den müssen wir rausnehmen.“ Manchmal gibt es kritische Szenen oder Ereignisse, die das Ganze ausgelöst haben. Manchmal ist so ein Prozess aber auch eher schleichend. Geh auf die Suche. Es wird dir helfen. Wenn du diesen Kern greifen kannst, akzeptierte das saubere Leid, dass damit verbunden ist. Also vielleicht hat dein Partner dich betrogen. Vielleicht hast du eine Diagnose bekommen. Vielleicht hast du deinen Job. Alles Dinge, die sind leidvoll sind. Gefühle wie Traurigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Angst sind dabei. Das gilt es zu akzeptieren. Diese Gefühle weg haben zu wollen, ist kontraproduktiv. In anderen Bereichen, können wir, wenn wir uns anstrengen, bestimmte Dinge loswerden. Ich nehme jetzt mal das Beispiel der Diät. Also wenn du weniger isst, wiegst du hinterher weniger. Kausaler Zusammenhang. Das Gesetz der Psyche läuft genau andersherum. Wenn du bestimmte Gefühle nicht haben willst, haften sie dir an. Zurück zu Steffie. Steffie war im sechsten Monat sehr traurig und hilflos. Was hätte Steffie tun können? In dem Moment wäre die Akzeptanz „Oh Mann. Ich bin jetzt sechs Monate nicht schwanger geworden und ich bin wahnsinnig traurig darüber.“ hilfreich gewesen. Dieses Gefühl hätte sie aushalten können. Ja, sie hätte geweint. Sie hätte mit ihren Freundinnen darüber gesprochen. Sie hätte mit Sven gesprochen, vielleicht mit ihrem Gynäkologen. Sie wäre mit dem Gefühl einfach etwas durchs Leben gegangen.  Als ihr Verstand ihr gesagt hat: Vielleicht ist Sven nicht der Richtige? Vielleicht kannst du mit Sven gar keine Kinder bekommen? Hätte sie ihrem Verstand eine Absage erteilen können. („Lieber Verstand, ich möchte nicht pessimistisch in Zukunft schauen. Das verstärkt meine negativen Gefühle!“) So hätten sich vielleicht auf der Handlungsebene ganz neue Spielräume ergeben und ganz sicher wären die negativen Gefühle aushaltbar geblieben (nicht weggegangen).

Wann immer wir versuchen, aus leidvollen Gefühlen auszusteigen, sie zu verdrängen, sie zu bagatellisieren, zu leugnen, sie mit Alkohol oder Schokolade wegzudrücken, desto hartnäckiger haften diese Gefühle an uns an. Wir können diese Gefühle nicht vermeiden, das heißt wir sollten sie willkommen heißen. Da gibt es ein wahnsinnig schönes Gedicht von Rummi zu. Das werde ich mal auf Facebook posten. Kennst du vielleicht auch schon. Da geht es darum, dass wir wie eine Art Wirtshaus sind und unsere Gefühle unsere Gäste sind. Und wie wir sie willkommen heißen sollten. Und auch wenn es Gäste sind, die sich nicht so benehmen, wie wir das gerne hätten, sollten wir ihn trotzdem mit einer Offenheit entgegentreten und sie annehmen und sie rein lassen.

Von daher hast du jetzt schon mal zwei Sachen gehört. Es gibt sauberes Leid und schmutziges Leid. Leid gehört zum Leben dazu und die schmerzhaften Gefühle, die dieses saubere Leid mitbringt, sollten akzeptiert werden. Überprüfe – produziert du irgendwo mit Hilfe deines Verstandes, der nicht immer ein guter Berater ist, sondern ein großer Geschichtenerzähler, zusätzlich schmutziges Leid. Das ist eine wichtige Frage, der du nachgehen solltest. Und dann trete deinem Verstand, der Gedankenmaschine entgegen. Ich habe schon eine Atemübungen eingesprochen, in der es darum geht, sich von seinem Atem zu distanzieren. Und wir können uns von unseren Gedanken distanzieren. Das habe ich in der Folge mit dem Geschichtenerzähler auch erklärt. Wir müssen unsere Gedanken nicht als Wahrheit annehmen, denn es sind nur Gedanken. Du bist nicht deine Gedanken. Du bist mehr als das. Du hast die Fähigkeit, dir beim Denken zuzuschauen. Kritisch zu hinterfragen, was deine Denkmaschine da so von sich gibt. Diese Fähigkeit gilt es zu trainieren. Das hilft in allen Lebenslagen, aber insbesondere, wenn es darum geht schmutziges Leid zu reduzieren. Die leidvollen Gefühle, die mit dem sauberen Leid kommen, gilt es willkommen zu heißen, zu akzeptieren und auszuhalten. Wenn du so deinen Gefühlen gegenüber trittst, dann wirst du eine Verbesserung erkennen. Weil sich diese negativen Gefühle, dann nicht mehr so hartnäckig halten. Gefühle haben ein flatterhaftes Wesen. Gefühle kommen und gehen. Das wird insbesondere dann deutlich, wenn wir an positive Gefühle denken. Es gibt Momente größter Freude in unserem Leben. Aber wie lange bleiben diese Gedanken und Gefühle bei uns? Denk‘ mal drüber nach, an den schönsten Moment, den du jemals hattest. Wie lange blieben die positiven Gefühle?Wie lange hast das du schier vor Glück überlaufen können? Man sagt tatsächlich, dass es nicht länger als drei Minuten ist. Dass sich nach drei Minuten die Intensität von Gefühlen verliert. Dass sie dann immer weniger werden bis sie nach ungefähr zehn Minuten (wenn wir sie nicht befeuern mit irgendwelchen Erinnerungen oder Gedanken) – dann sind sie weg! Und so kannst du diese schönsten Momente durch Fotos (zum Beispiel bei Urlauben) nochmal reaktivieren. Kannst in diese Stimmung hineinkommen, indem du dir vielleicht Fotos anguckst. Ein Getränk trinkst, was du in diesem Urlaub hattest. Alles was dich in Urlaubsstimmung versetzt und deine an Erinnerungen reaktiviert. Und dann schafft du es auch, diese gefühlte Stimmung wieder aufleben zu lassen. Wenn wir nichts tun, sind auch positive Gefühle unheimlich schnell verpufft. Und tatsächlich ist es mit den negativen genauso. Auch die negativen Gefühle verpuffen genauso schnell wie die positiven Gefühle. Nur haben wir die Eigenart entwickelt, Gefühle zu befeuern. Das tun wir, indem wir uns immer wieder an den schmerzhaften Moment erinnern. Uns immer wieder mit der Frage beschäftigen, warum ist mir das passiert? Wir unserem Verstand zuhören, während der immer mehr abstruse Zukunftsszenario entwickelt, die alle Leid mit sich bringen. Bleib lieber im Hier und Jetzt zu bleiben. In der aktuellen Situation. Keine Zukunftsgeschichten.

Und ich wünsche dir auch, dass es dir in den nächsten Tagen ganz bewusst gelingt, schöne Erinnerungen und schöne Momente zu reaktivieren. Nutze das, um Deine positiven Gefühle hervorzulocken. Denn du kannst die Waage wieder in ein Gleichgewicht bringen, sodass leidvolle Gefühle und schöne angenehme Gefühle im Einklang miteinander stehen. Also ich wünsch dir jetzt einen Tag mit vielen wunderschönen Momenten und schließe an dieser Stelle und sage Tschüss, deine Sabine.