Blog #019 Dein innerer Kritiker

Hallo! Herzlich willkommen bei Reif für die Couch?, dem Podcast für alle Erschöpften, deren Leben ein kleines bisschen besser werden darf. Schön, dass du heute hier bist. Ich bin Sabine Bimmler und möchte gerne mit dir über das innere Team reden.  

 

Ich habe in der letzten Folge erklärt, was das innere Team ist, welche Idee Schulz von Thun, der das ja erfunden hat, damit verfolgt hat. Heute habe ich mir einen ganz prominenten Vertreter dieses inneren Teams herausgesucht, von dem ich dir gerne erzählen möchte. Du kennst ihn vermutlich schon, denn in deinem Team wird er auch Mitglied sein: dein innerer Kritiker 

Der innere Kritiker ist die Stimme in dir, die dich ein Stück weit sabotiert. Sie beurteilt alles, was du tust. Ihr ist nichts gut genug ist. Sie nörgelt, ist nicht zufrieden mit dir und sagt, dass Dinge noch viel besser hätten laufen können. Ich nehme an, die Stimme kommt dir bekannt vor? Dieser innere Kritiker ist gerade bei Menschen, die mit Erschöpfungszuständen oder mit Angstzuständen zu tun haben, ein häufig sehr dominanter Vertreter des inneren Teams.  

Du kannst dir das so vorstellen, dass dieses Team ja eigentlich gut zusammenarbeiten muss und die inneren Anteile konstruktiv und wertschätzend miteinander umgehen sollten. Der innere Kritiker fügt sich manchmal nicht mehr ins Team ein, sondern er fällt so richtig aus der Reihe, fängt an zu dominieren und den anderen Anteilen, und damit auch ein kleines Stück dir, das Leben zur Hölle zu machen. Diese Kraft und Power hat er, weil er so wahnsinnig gemein und abwertend ist. Wenn dein inneres Team aus dem Ruder läuft, kann es seiner Aufgabe nicht mehr nachkommen. Die Aufgabe, die das innere Team verfolgt, ist ja, dass du ein zufriedenstellendes, für dich erfüllendes, Leben führst. Das heißt, dass der innere Kritiker ganz schön Zerstörungspotenzial hat. 

  

Ich möchte gerne wieder von einer meiner Patientinnen erzählen, die mir sofort beim inneren Kritiker eingefallen ist. Linda (30 Jahre), völlig erschöpft. Ich glaube, nur so kann ich es beschreiben. Sie hatte mittlerweile Schlafprobleme. Sie war sehr unglücklich, fühlte sich sehr in ihrem Leben gefangen und nichts lief eigentlich so, wie sie sich das vorgestellt hat. Sie war Architektin und arbeitete in einem Architekturbüro. Und sie arbeitete richtig viel.  

Das Problem war, dass der innere Kritiker mit dem, was sie an ihrem Schreibtisch zustande brachte, nie zufrieden war. Das was sie gezeichnet hatte, was sie entworfen hatte, war nie gut genug. Das heißt, er trieb sie an, immer weiterzumachen, nochmal zu überarbeiten, länger zu bleiben, noch mal drüber zu gehen. Den Abgabetermin noch etwas hinauszuzögern, weil es immer noch nicht so war, wie sie sich das vorgestellt hatte. Und die Stimme hatte Linda ganz schön im Griff. Der berufliche Teil war aber nur ein Lebensbereich, in dem der innere Kritiker regierte. Er hatte sich auch auf das Thema Beziehung gesetzt.  

Linda war schon länger auf der Suche nach einer festen Beziehung Sie wünschte sich einen Freund, hatte ein paar kurze Beziehungen, die aber nicht gut funktioniert haben. Sie ging ganz klassisch über Dating-Apps, traf immer wieder Männer. Doch das klappte auch nicht, weil der innere Kritiker sehr aktiv war. Besonders dann, wenn sie mit jemandem geschrieben hat und ein Treffen kurz bevorstand. Dann hat er ihr erzählt, dass sie nicht schön genug ist, nicht dünn genug, nicht nett genug, nicht interessant genug. Er erzählte, dass sie eigentlich sowieso keiner haben will und dass sie ja erst mal ein komplett anderer Mensch werden müsste, bevor sie überhaupt anfängt zu daten. Denn in dem Zustand, indem sie jetzt war, würde sie eh keinen Mann bekommen. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass das alles andere als hilfreich ist. Weder dieses strenge Reglement in der beruflichen Hinsicht, noch das strenge Regiment in punkto Ich suche einen Freund hat Linda irgendwie vorangebracht. Vielmehr hat ihr innerer Kritiker sie systematisch geschwächt und auseinandergenommen. Das perfide in der Konstellation war, dass sie das durchaus gemerkt hat. Und sie wollte sich verändern. Sie hat überlegt den Job aufzugeben, mal für eine Zeit auszusteigen, eine längere Reise zu machen. Da waren ganz viele Ideen in ihrem Kopf. Aber wann immer eine solche Idee ansprang, tauchte der innere Kritiker wieder auf und dominierte erneut das innere Team. Und wieder ging es darum, dass er gesagt hat: „Du kriegst das sowieso nicht. Du findest sowieso keinen anderen Job, du bist nicht gut genug in dem was du tust, du bringst nicht genug Kompetenzen mit!“.  Das heißt der innere Kritiker war eine Macht, die den Zustand so erhalten hat wie er gerade war. Und das bedeutet, dass sich Linda hilflos fühlte. Sie war in einer Situation gefangen, aus der sie sich nicht heraus traute, in der sie in wichtigen Lebensbereichen überhaupt nicht das bekam, was sie sich eigentlich vom Leben wünschte. Vielleicht kennst du das auch?  

 

Wo kommt der innere Kritiker eigentlich her? Der Kritiker ist eine Stimme, die relativ früh in unserem Leben entsteht. Alle Bezugspersonen, die sich um uns kümmern und die es häufig auch sehr gut mit uns meinen, überhäufen uns mit Regeln und Ermahnungen, was wir alles zu tun und zu lassen haben. Das ist sehr sinnvoll für Kinder. Wir müssen lernen, dass wir erst bei Grün über die Straße gehen, dass wir bei keinem Fremden ins Auto steigen. Und die lernen wir, weil es Erwachsene gibt, die uns das mitteilen. Wir müssen auch lernen, wie wir uns in Gruppen zu verhalten haben. Das lernen wir als erstes im Kindergarten und später in der Schule. Vielleicht auch zu Hause. Wenn du in einer größeren Familie aufgewachsen bist, ging es auch um Teamfähigkeit und Gruppenverhalten. Und auch hier gab es Regeln, an die wir uns halten sollten. Unsere prägenden Bezugspersonen in den frühen Lebens– und Kinderjahren, auch in der Jugend, haben uns diese Regeln beigebracht. Und wir haben diese Stimmen verinnerlicht. „Tu dies, mach es so, lass jenes“ – diese Aussagen haben wir zu einer inneren Stimme, zu einem inneren Anteil gemacht. Und auch dieser Anteil hat immer noch diese ganz positive Funktion. Er will uns davor bewahren, dass uns irgendetwas Schlimmes passiert und dass wir aus der sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen werden.  

 

Das sind nur zwei der Funktionen, für die der innere Kritiker steht. Er hat also wirklich tief im Innern, man kann es kaum glauben, eine gute Absicht. Die Art und Weise, die er sich aber im Laufe der Zeit angewöhnt hat, mit uns zu reden, ist das Problem. Nicht, was er will, sondern wie er es versucht durchzusetzen. Weil er in einer Art und Weise mit uns redet, die verletzend und klein machend ist. In seinen Formulierungen ist er hart, unbarmherzig, vernichtend, uneinsichtig, unnachgiebig. Er teilt gnadenlos mit, was er denkt. Nichts ist ihm gut genug. Er reglementiert sich nicht selbst. Deswegen macht es Sinn, sich diese Stimme anzugucken, sich mit ihr zu beschäftigen und mit dieser Stimme einen Friedenspakt zu schließen. Denn er darf Teil deines inneren Teams bleiben. Er sollte sogar Teil deines inneren Teams sein. Denn eine kritische Haltung gegenüber sich selber, ist wichtig für die eigenen Weiterentwicklung. Wenn wir uns nie in Frage stellen, in dem was wir tun, werden wir uns unheimlich langsam verändern und sind immer auf die Rückmeldung von außen angewiesen. Das heißt, der innere Kritiker ist wie ein Beschleuniger in dir. Aber nur, wenn er konstruktiv und wohlwollend mit dir im Dialog ist. Dann kann er der Beschleuniger sein, der er eigentlich von seinem Naturell her ist. Dann kann er der Beschützer und Bewahrer sein. Nur die Art und Weise wie er mit dir redet, die muss sich ändern. Also, wie kann das gehen? Der innere Kritiker braucht im Inneren Team einen wirklich guten Gegenspieler. Er braucht ein oder vielleicht sogar mehrere innere Anteile, die ihn ausgleichen, die sich ihm entgegenstellen und die ihn immer wieder zur Raison rufen, wenn er sprachlich entgleist. Das kann zum Beispiel ein Anteil sein, der eher für eine liebevolle Oma steht, ganz zugewandt mit dir spricht und dich ermutigt und anerkennt, wo du gerade bist. Dir Mut zuspricht, Veränderungen zu wagen, weil das Leben eine einzige Veränderung ist. Eine Oma, die in ihrem Leben vielleicht viele Dinge bereut, die sie nicht getan hat und jetzt an deiner Seite ist und dir Mut zuspricht. Vielleicht hast du einen solchen Anteil, vielleicht kannst du ihn aber auch noch bilden. Dann könnte ein solcher Anteil auch eine Freundin sein. Eine gute Freundin, die du dir auch in dein inneres Team holst. Die mit dir spricht, wie eine wirklich gute Freundin. Das heißt, sie tröstet dich, wenn mal was nicht geklappt hat. Da tritt der innere Kritiker dir nämlich auch noch gerne von hinten in die Knie. Du brauchst also eine gute Freundin, die mit dir spricht, ganz wohlwollend, dir auch Mut zuspricht, dich tröstet, dich in den Arm nimmt und dich daran erinnert, was du alles kannst, wer du bist und was du alles schon erreicht hast. Jemand der dir wirklich ganz konstruktiv und wertschätzend Unterstützung angedeihen lässt. Das kann auch ein mütterlicher Anteil sein, der dem inneren Kritiker gegenübersteht und der in einer mütterlich zugewandten fürsorglichen Art und Weise mit dir redet. Ganz viele andere Anteile können hier helfen und unterstützen. Ein Denker, zum Bespiel, der dir sagt: „Ja, wage diese Veränderung, das ist gut! Du brauchst was Neues, du hast Lust auf was Neues. Der innere Kritiker darf ins Team integriert werden. In seiner etwas schroffen und wenig liebevollen Art, darf er dennoch Teil deines inneren Teams sein und mit den anderen zusammenarbeiten. Ganz konstruktiv. 

 

Das war das, was ich im Rahmen der Therapie mit Linda erarbeitet habe. Wir haben als erstes eine Karte mit ihren inneren Anteilen erstellt, in der sie ganz viele Persönlichkeitsanteile benannt hat. Anteile, die ihr jetzt in ihrem Alltag sehr helfen. Dann Persönlichkeitsanteile, die aus der Vergangenheit herrühren, die sie jetzt gar nicht mehr braucht. Und wir haben uns natürlich den inneren Kritiker sehr genau angeschaut und uns dann auf die Suche nach helfenden, stützenden, wohlwollenden Anteilen gemacht. Und die gab es sogar bereits auf ihrer Landkarte. Die waren nur sehr leise. Die konnten sich in ihrer Art, wie sie sich zu Wort gemeldet haben, in ihrem inneren Dialog gegen diesen schroffen inneren Kritiker überhaupt nicht durchsetzen. Und dann haben wir eine Verhandlung angestoßen. Unsere inneren Teile können miteinander reden. Das tun sie nämlich sowieso. Häufig steuerst du das aber nicht zielgerichtet. Vielmehr gehst du in jeden Anteil rein und fühlst und erlebst was dieser Anteil fühlt und denkt. Deine Aufgabe als Teamleiter ist es aber tatsächlich, dir die unterschiedlichen Positionen anzuhören. Mit dem Wissen, dass jeder in deinem Team gleich wichtig ist. Das heißt, die liebevolle wohlwollende Oma ist genauso wichtig, wie der innere Kritiker. Und bloß, weil der innere Kritiker schreit und gnadenlos vernichtend in seinem Urteil ist, hat er nicht mehr Recht, als die liebevolle Oma. Deine Aufgabe ist es, dir beide Positionen anzuhören. Und dann für dich, mit dem Wissen von beiden, eine Entscheidung zu treffen Du siehst es geht wieder darum, sich erst einmal von diesen inneren Anteilen, mit denen du häufig so verschmolzen bist, zu distanzieren. Und wenn du mit einem Anteil wie dem inneren Kritiker verschmilzt, wenn du quasi die Welt durch seine Augen siehst, dann fühlst du dich schlecht. Ja, du machst dich im Inneren Dialog selber fertig. So, wie du im inneren Dialog mit dir redest, würdest du mit einem fremden Menschen nie reden. Gerade dann, wenn dein innerer Kritiker ganz vorne steht, mach dir bewusst, dass du so grausam und so boshaft mit niemandem in deinem Umfeld reden würdest.  

 

Entlarve deine wenig hilfreichen Stimmen: Hey, da spricht wieder mein innerer Kritiker. Oh Mann, ja er ist wieder richtig schlecht gelaunt und rau, außer Rand und Band. Er hat sich gerade wieder auf das Thema X gestürzt. Zum Beispiel, dass ich gestern von dem Typen, mit dem ich mich getroffen habe, am Ende des Abendessens gehört habe du mit uns beiden wird das nichts. Und dann hat der innere Kritiker wieder losgelegt und hat wieder richtig aufgedreht. Das Ziel ist, dass du es schaffst, dich von ihm zu distanzieren, zu sehen: Er ist nur eine Stimme in deinem Kopf. Dann kannst du dich aus der Teamleiter-Position heraus auch der inneren liebevollen Oma zuwenden. Die sagt vielleicht zu der Absage nach diesem Date eher so etwas wie Ihr beiden habt einfach nicht zueinander gepasst. Und ganz ehrlich vielleicht hat er dich auch gar nicht verdient!“.  Sie spricht in einer ganz anderen Art und Weise mit dir. Und nochmal: Sie hat nicht weniger Recht. Und ja, so haben wir in der Therapie mit Linda sehr stark daran gearbeitet, dass sie es schafft, endlich ihre inneren Teile als das zu betrachten, was sie sind: Nämlich bestimmte Mitglieder ihres inneren Teams, die alle eine Stimme haben, die gleichwertig sind. Und wir haben uns die herausgepickt, denen sie bisher besonders stark geglaubt hat, die aber auch häufig für besonders unangenehme Gefühle standen. Wir haben einfach die Teile identifiziert, die das ausgleichende Element dazu in ihrem Team sind. Das war ein sehr schöner therapeutischer Prozess. Denn das, was Linda damals berichtet hat war, dass sie sich viel freier gefühlt hat, dass sie ihrem Gefühlsleben und ihrem Gedankenstrudel nicht mehr so ausgeliefert war. Sondern dass es ihr so gelungen ist, Abstand zu ihren Gedanken zu bekommen. Es ist ihr auch gelungen, das innere Team miteinander in Kontakt zu bringen und als Teamleiterin dafür zu sorgen, dass die Teammitglieder endlich konstruktiv und wertschätzend miteinander arbeiten Und genau das rate ich auch dir. Du darfst den Kritiker nicht aus deinem Team vertreiben. Er ist ein Teil von dir. Und der innere Kritiker kommt in einer guten Absicht. Mache ihm aber klar, dass es in deinem Team kommunikative Regeln gibt wie man miteinander spricht, dass jeder diese Regeln einzuhalten hat. Lade ihn ein, Teil des Teams zu sein und mitzuarbeiten, seine wichtige Funktion auszufüllen. Versuche so mit ihm in ein friedvolles Miteinander zu kommen. Und dann kann er für dich das werden, was ich vorhin angekündigt habe. Ein LernBeschleuniger, der unheimlich aufmerksam ist. Er sieht unheimlich viele Potenziale. Wenn er sie in entsprechender Art und Weise anspricht, dann kann er dir helfen, den Turbo zu zünden.  

 

Das war die Folge zum inneren Kritiker. Ich hoffe es war hilfreich für dich und hat dir gefallen. Wenn das der Fall ist, hilf mir doch diese Folge in die Welt zu bringen, indem du sie teilst. Verteile sie an Menschen, die das vielleicht gebrauchen können. Du kennst ja dein Umfeld! 

 

Ansonsten freue ich mich, dass du dir die Zeit genommen hast und für dich hier etwas getan hast um mehr innere Ruhe, Ausgeglichenheit und Balance zu finden.  

 

In diesem Sinne sag ich heute: Tschüss, deine Sabine. 

 

Shownotes:

Themenwünsche kannst du mir gerne an sabine@bimmler.comsenden.

Dieser Podcast Reif für die Couch? gibt Dir Ideen und Hilfe zu den folgenden Krankheitsbildern und Symptomen: Depression, Angst, Angststörung, Angstzustände, Soziale Phobie, Erschöpfung, Burnout, Burn-Out, Panik, Panikstörung, Panikattacken, Grübeln, Sorgen, Stress, Zwänge, Zwangsstörung, Achtsamkeit.

Der Podcast Reif für die Couch? verknüpft Erkenntnisse aus der Psychotherapie, insbesondere der Verhaltenstherapie und der Psychologie. Mein Ziel ist es der beste Psychologie Podcast zur werden. Inspiriert wurde ich durch großartige Vorreiter wie Laura Malina Seiler mit Happy Holy Confident, Tobias Beck mit Bewohnerfrei und dem Podcast von gedankenTanken.

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Deine Sabine