Blog #020 Deine inneren Beschützer

Hallo! Herzlich willkommen bei Reif für die Couch?, dem Podcast für alle Erschöpften, deren Leben ein kleines bisschen besser werden darf. Mein Name ist Sabine, ich bin Psychotherapeutin aus Köln und möchte dir heute weitere Teile deines inneren Teams nahebringen – und zwar die inneren Beschützer.  

Ich hoffe, du hast die Einführungsfolge zum inneren Team bereits gelesen oder gehört. Auch die letzte Folge zum inneren Kritiker, einem besonders lauteren Vertreter des inneren Teams, ist sehr wichtig. 

 

Heute schauen wir uns die Beschützer-Anteile an. Beschützer-Anteile im inneren Team entstehen in Situationen, die dramatisch, traumatisierend und verletzend sind. Das heißt, wenn du in deinem Leben Situationen erlebt hast, auf die das zutrifft, dann hat sich ein PersönlichkeitsAnteil in die Situation eingemischt, der dich beschützen wollte. Sein Bestreben, seine Funktion, war es, dich vor den schlimmen Gefühlen und den Entwürdigungen in dieser Situation zu beschützen. Er wollte sicherstellen, dass du nicht mehr damit konfrontiert bist: Koste es, was es wolle. Deine Beschützer waren da ziemlich einfallsreich. Ihr Ziel: Gefühle, Körperempfindungen, Gedanken und Bilder, die sehr belastend waren, sollten verschwinden. Oft waren es Situationen, die in der Kindheit stattgefunden haben. Denn deine kindlichen Anteile sind besonders verletzlich. Innere Beschützer formen sich also schon früh.  

 

Diese Beschützer sind ganz oft unglaublich wütend. Ich hatte über die positive Funktion von Gefühlen schon mal geredet. Und Wut ist im Grunde ein positives Gefühl, auch wenn wir es nicht mögen. Aber Wut ist immer das Gefühl, welches uns hilft, die eigenen Grenzen zu schützen. Und deswegen sind Beschützer oft wütend. Wut bringt das Körpergefühl, die Energie mit, die wir brauchen, um uns zu verteidigen. Die meisten Klienten, mit denen ich in meiner Praxis arbeite, berichten mir, dass sie ihre inneren Beschützer nicht mögen, denn sie rufen sozial unerwünschtes Verhalten hervor. Wir reden davon, dass du dich plötzlich in einer unpassenden Art und Weise verhältst, weil du laut anfängst zu schreien und andere zu verletzen 

Ein Beispiel: 

Mütter. Mütter möchten Kindern bestimmte Dinge beibringen. Wieder und wieder fordern sie die Kids dazu auf, etwas zu unterlassen. Zum Beispiel im Alltag ruhiger zu sein, wenig aktiv, nicht zu zappeln. Nur, Kinder reagieren da nicht unbedingt drauf. Und dann passiert es: Irgendwann werden sie lauter. Und manchmal, wenn ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, schreien sie die Kinder auch mal an. Ich nehme mich da nicht aus. Auch mir passiert das manchmal. Darauf sind wir Mütter wahrlich nicht stolz. Ich habe unheimlich viele Frauen in der Praxis sitzen, die sich schwere Vorwürfe machen. Vorwürfe, weil sie sich eben nicht im Griff haben. Vorwürfe, weil sie ihren Kindern in manchen Alltagssituationen in einer aggressiven Art und Weise entgegentreten. Eine Art, die sie selbst als unangemessen verurteilen. Dieses Verhalte wird häufig durch die wütenden Beschützer hervorgerufen. Denn immer dann, wenn die Kinder nicht tun, was die Mütter von ihnen -bestimmt aus gutem Grund- einfordern, werden die mütterlichen Bedürfnisse nicht erfüllt. Es gibt ein Bedürfnis nach Ruhe, doch die Kinder werden nicht ruhiger. Der inneren Beschützer setzt sich dann für das Bedürfnis mit sehr viel Lautstärke und Aggression ein. Die meisten Mütter, die ich kenne, kritisieren sich dann selbst sehr stark. Das heißt, der Persönlichkeitsanteil, der zum Vorschein kommt, ist der innere Kritiker. Es ist durchaus komplex. 

 

Wenn du mit deinen beschützenden Anteilen in Frieden kommen möchtest, sie in dein inneres Team integrieren möchtest, ist es wichtig, dass du sie achtest. Der innere Kritiker darf diese Teile nicht fertig machen, abwerten oder beschimpfen. Denn Beschützeranteile haben eine wichtige Aufgabe. Sie sind zu einem Zeitpunkt in deinem Leben entstanden, zu dem sie hilfreich waren. Und jetzt zeigen sie sich in Situationen, in denen sie nicht angemessen ist. Wie alle Persönlichkeitsanteile hat jeder von ihnen nur eine (recht enge) Lösung parat. Wenn jemand konsequent über unsere Bedürfnisse hinweg geht, ist für den wütenden Beschützer die Lösung, zu schreien. Der einzelne Anteil, der Beschützeranteil, ist da nicht flexibel. Er kennt nur diese Strategie. Deswegen tritt er dann so vehement aus dem inneren Team heraus und brüllt einfach los. Er hat eine gute Absicht. Er will deine Grenzen schützen. Erkläre ihm, dass sein Weg, für den er eintritt, nicht der einzige Weg ist, der zum Ziel führt. Du musst ihm zeigen, dass du andere Ressourcen, Personen, im Team hast. Personen, die dir helfen können, deine inneren Kinder und deine Grenzen zu schützen. Er sollte verstehen, dass es andere Möglichkeiten gibt, solchen Verletzungen und traumatischen Erfahrungen vorzubeugen. Damit sich diese nicht wiederholen.  

 

Ich hatte zum Beispiel eine Patientin. Claudia. Claudia hatte einen relativ starken Beschützer, wenn sie im Kontakt mit anderen Menschen war. Dieser Beschützer war sehr kratzbürstig. Trat er hervor, hatte sie Haare auf den Zähnen. Das heißt, sie war mit ihren Kommentaren giftig, sie war bissig. Freunden gegenüber, Kollegen gegenüber. Wann immer sie sich in irgendeiner Weise in der Beziehung bedroht fühlte. Wann immer sie witterte, dass man sie vielleicht nicht so toll fand. Oder wenn man sie kritisierte. Dann holte sie diesen Beschützer raus und konterte in einer sehr pointierten, fast schneidenden Art und Weise.  

Das gleiche passierte auch bei Männern. Sie war auf der Suche nach einer festen Partnerschaft. Aber immer, wenn sie jemanden kennenlernte, ließ sie ihre humoristisch gemeinten Bemerkungen fallen. Und fügte dem anderen damit seelische Verletzungen zu. Bildlich gesprochen, holte sie ihre Krallen aus und hinterließ rote Kratzspuren. Das war natürlich für die Männer, aber auch für die Arbeitskollegen, eine sehr unschöne Situation. Oft führten diese Menschen gar nichts Böses im Schilde, sondern waren relativ freundlich. Eher mit ihren eigenen Themen beschäftigt. Und dann kam die Pranke. Sie bekamen einen Schlag ab, ohne zu wissen, was sie getan, oder mit was sie das verdient hatten. Die Männer reagierten häufig sehr verwirrt. Sie spürten, dass diese Frau den Wunsch nach Nähe und hatte, und in Beziehung mit anderen kommen wollte. Und wenn sie sich dann herantrauten, bekamen sie eins mit der Pranke. Viele Männer zogen sich deshalb natürlich zurück. Wenn du beim Dating im Annäherungsprozess bist und der andere euch zwei drei Mal relativ grundlos angreift oder beleidigt, dann würdest du dich zurückziehen, oder?  

Und so erreichte Claudia eins ihrer Kernziele, einen Mann zu finden, nicht. Sie kam nicht in Beziehung, sondern hatte viele Annäherungsversuche. Sie war eine attraktive Frau, hatte einen guten Job. Aber sie steckte fest. Oft bekam sie die Rückmeldung, dass sie für den anderen nicht so berechenbar sei und auch oft verletzend wäre. Therapeutisch haben wir daran gearbeitet diesen kratzbürstig katzenartigen / tigerartigen Beschützer in ihr Team zu integrieren. Unser Ziel war, ihre Angst in Beziehungen verletzt zu werden, anzugehen.  Denn diese Angst rief immer wieder den Beschützer auf den Plan. Sie wollte Anerkennung, Wertschätzung, Nähe. Sie wollte geliebt werden. Ein Bedürfnis, das wir alle in uns tragen. Auch du und ich. Sie witterte sozusagen die Angst, verletzt zu werden, wenn sie näher in Kontakt ging. Ihre Antennen waren sehr scharf eingestellt. Selbst bei kleinsten Verspätungen oder unüberlegten Bemerkungen, witterte sie schon, dass der andere sie abwerten wollte. Und dann tauchte der Beschützer auf. Und so hielt sie sich Männer, Arbeitskollegen, eigentlich alle Menschen ungewollt auf Distanz und lebte eher allein und zurückgezogen. Obwohl du, wenn du sie kennen würdest, dir das gar nicht vorstellen kannst, weil sie eine sehr eloquente extrovertierte Person war. Mit dem inneren Beschützer jedoch war es ihr nicht möglich, Beziehungen zu leben, in den nahen Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. 

 

Jetzt schauen wir mal auf dich und auf deine Beschützeranteile. Ich habe bisher die Beispiele verwendet, die für sogenannte heiße Beschützeranteile stehen. Feuerbekämpfer heißen die in der systemischen Therapie. Sie bringen Wut mit. Es gibt noch eine andere interessante BeschützerGruppe. Das sind die sogenannten kalten Beschützer“. Der Gegensatz zu den Feuerbekämpfern. Das sind die Anteile, die auch verhindern wollen, dass du nochmal mit diesen schlimmen Gefühlen, Sensationen, Gedanken und Bildern in Kontakt kommst. Die verhindern wollen, dass dir sowas noch einmal passiert. Aber sie versuchen das eher über Kontrolle. Kontrolle, damit du mit deinen schmerzhaften Gefühlen nicht in Kontakt kommst. Überleg mal, bist du eher der kontrollierte/zwanghate Typ? Der Typ, der versucht andere Menschen und Situationen möglichst vorhersehbar für dich zu gestalten, damit es keine Überraschung gibt? Deine Beschützer kannst du dir dann mehr in Form eines Managers oder Projektcontrollers vorstellen. Sie tun auch alles, um das Individuum vor Schmerz und Ablehnung zu bewahren. Ihr Weg: Du solltest in jeder Beziehung und Situation die Kontrolle behalten. Du sollst nie wieder Zurückweisung oder Erniedrigung spüren, etwas falsch machchen…. Und ja, sie etablieren ein richtiges System von Persönlichkeitsteilen, die da mitspielen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Perfektionist. Sie raten dir alles so perfekt zu machen, damit du bloß nicht angreifbar bist. Sie organisieren, planen und teilen ein. Sie halten Ordnung. Sie sorgen dafür, dass du besonders gut funktionierst. Mit einem übermäßigen Kontrollwunsch dahinter. Diese Teile können sehr nützlich sein. Sie helfen dir dabei, viel wegzuschaffen. Der Punkt ist aber, dass du in manchen Situationen spüren wirst, dass mehr Flexibilität notwendig wäre. Du auch mal loslassen solltest, die Kontrolle aufgeben. Das ist diesen Beschützern nicht möglich.  Also gibt es diejenigen, die Feuer bekämpfen. Die mit viel Emotion kommen. Mit Wut, mit Aggression. Und es gibt die kalten Beschützeranteile, die eher funktionieren, organisieren, alles unter Kontrolle halten. Damit bloß nichts Unerwartetes passiert. Welche sind in deinem System aktiv – überleg mal. 

 

Ich habe da noch ein Beispiel aus der Paartherapie, welches ich dir erzählen möchte. Ich begleitete ein Paar, das häufig stritt und kurz vor der Trennung stand. Er polterte ständig los, auch bei Kleinigkeiten, und wertete seine Frau in dem Moment ziemlich ab. Der Beschützer, den er hatte, war sehr massiv. Denn eigentlich hatte er Angst, dass seine Frau ihn verlässt. Und um das zu verhindern, polterte er los, sobald er mit dieser Angst in Berührung kam. Er polterte, um sich selber und ihr zu zeigen, was für ein starker Kerl er ist. Das bewirkte natürlich, und das ist das Dilemma, das Gegenteil. Dadurch, dass er ständig polterte und sie verletzte oder abwertete, kam die Beziehung noch mehr in Schieflage. Das heißt, dieser Beschützer steuerte geradezu dazu bei, dass er die Beziehung zerstörte. Und hier war es in der Therapie wichtig, seine Teile-Landkarte zu erarbeiten. Sein inneres Team aufzumalen und hinzustellen. Auch sich in diesen Beschützer, wir nannten ihn den angriffslustigen Ritter, einzufühlen. Auch mit der Frau haben wir an ihrem inneren Team, ihrer Teile-Landkarte, gearbeitet. Sie hatte eher einen kindlichen Anteil, der auf das Poltern reagierte. Sie zog sich zurück, lief davon. Sie verließ die Wohnung, ging aus der Kommunikation. Sie brach sozusagen den Kontakt in dem Moment ab, um nicht weiter verletzt zu werden. Sie beschützte dieses Kind, in dem sie weg lief. Diese Dynamik offen zu machen, hat diesem Paar sehr geholfen zu verstehen, wie sie als Paar funktionieren. Das, was wir therapeutisch gemacht haben, kannst du natürlich auch für dich tun.  

 

Ich stell dir das innere Team und seine Vertreter in seiner Gesamtheit vor, damit du in der Lage bist, dein inneres Team zu seiner Gesamtheit aufzustellen. Das kannst du über eine sogenannte TeileLandkarte machen. Ich habe eine Patientin, die eine ganz tolle Collage angefertigt hat. Man muss diese Teile nicht unbedingt malen. Sie hat die Bilder im Internet zusammengesucht und ausgeschnitten, welche für sie symbolisch waren. Sie hat ganz klar sagen können Mein innerer Kritiker sieht so aus, mein innerer Richter, auch ein interessanter Persönlichkeitsanteil, sieht so aus“. Und auch für ihre inneren Kinder und die Beschützer hatte sie Bilder gefunden. 

Ein Bild von einem Beschützer, welches ich sehr mag, ist ein Comicmännchen. Ihm kommt der Dampf aus den Ohren, weil er vor Wut überkocht. 
Das ist nur deine Idee. Oder beschreibst es schriftlich. In diesem Fall bin ich jedoch weniger ein Freund vom Schreiben. Diese Arbeit lebt davon, dass du auch Bilder hast. Dass du deine inneren Anteile kennst. Weißt, wie sie aussehen. Vielleicht auch für deine inneren kindlichen Anteile. Hier kannst du Bilder aus deiner Kindheit verwenden. So reicherst du dein inneres Team um einzelne Teilgruppen an. Solange, bis du einen Überblick darüber hast, wer eigentlich alles in dem Team ist. Für welche Art von Verhaltensmuster und Gefühlen bestimmte Teile stehen und wie sie zusammenarbeiten. 

 

Fange einfach damit an! Wenn du dich jetzt auf den Weg machst, dann ist der erste Schritt jener Schritt, der dich in ein tieferes Verständnis bringt. Es hilft dir, dich zu verstehen und dich in dieser Gesamtheit besser zu akzeptieren. Freunde dich mit den Mitgliedern deines inneren Teams an. Und du wirst sehen, dass du dich mit dir selbst viel besser anfreunden wirst. In diesem Sinne sage ich heute an dieser Stelle tschüss. Mit dem üblichen Appell, den du schon kennst: 

 

Wenn dir diese Folge gefallen hat, hilf mir sie in die Welt zu bringen. Teile sie, damit noch mehr Leute mehr über ihr inneres Team lernen und den Zugang zu ihm finden. So können Menschen mit ihren Gefühlen besser klarzukommen, mehr innere Ruhe und Gelassenheit zu erleben.  

 

So und jetzt aber wirklich tschüss für heute und hoffentlich bist du beim nächsten Mal wieder dabei. Deine Sabine.  

 

Shownotes:

Themenwünsche kannst du mir gerne an sabine@bimmler.comsenden.

Dieser Podcast Reif für die Couch? gibt Dir Ideen und Hilfe zu den folgenden Krankheitsbildern und Symptomen: Depression, Angst, Angststörung, Angstzustände, Soziale Phobie, Erschöpfung, Burnout, Burn-Out, Panik, Panikstörung, Panikattacken, Grübeln, Sorgen, Stress, Zwänge, Zwangsstörung, Achtsamkeit.

Der Podcast Reif für die Couch? verknüpft Erkenntnisse aus der Psychotherapie, insbesondere der Verhaltenstherapie und der Psychologie. Mein Ziel ist es der beste Psychologie Podcast zur werden. Inspiriert wurde ich durch großartige Vorreiter wie Laura Malina Seiler mit Happy Holy Confident, Tobias Beck mit Bewohnerfrei und dem Podcast von gedankenTanken.

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Leg los. ich freue mich auf dich!

Deine Sabine