Blog 04 – Vom Leid und wieso wir unsere Mythen zum Thema Glück begraben sollten

Das Beste was mir in meinem Leben als Psychotherapeutin begegnet ist, war der Ansatz der ACT (Acceptance and Commitment Therapy). Und zwar nicht nur als therapeutisches Handwerkszeug, sondern auch für mein persönliches Leben. Ganz persönlich.

 

Gerne erkläre ich dir hier, was ACT genau ist – was verbirgt sich dahinter? Um dir den vollen Nutzen deutlich zu machen, müssen wir in die Entwicklungsgeschichte des Menschen schauen. Unsere frühen Vorfahren hatten existenzielle Bedürfnisse: Wasser, Essen, Schutz, Sex und das größte Motiv war Überleben. Heute haben wir ein Dach über dem Kopf, ausreichende und hochwertige Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, … Meinungsfreiheit, Demokratie… Also sollten wir glücklich sein. Sind wir aber nicht! Depressionen, Ängste, Süchte, psychische Erkrankungen nehmen zu. Wieso?

Früher waren die Gefahren, die wir im Blick haben mussten überschaubar: Raubtiere, Krankheit, Wasser- und Nahrungsmangel, Wetter. Weil wir überleben wollen/biologisch müssen, ist unser Verstand ein großer Problemsucher und Problemfinder. Heute finden wir jede Menge Probleme: Arbeitslosigkeit, finanzieller Ruin, Krebs, Terror, Klimakatastrophe.. dazu kommen Angst vor Blamage, Beziehungsstress, Zurückweisung und vieles mehr.

Der soziale Stress war früher deutlich kleiner, da unsere soziale Bezugsgruppe überschaubar war. Heute leben wir „global“. Damit wird auch die soziale Vergleichsgruppe viel größer. Reicher, klüger, attraktiver, berühmter … für viele von uns werden Bedürfnisse dadurch geweckt. Diese Wünsche und Bedürfnisse macht Stress. Wir wollen immer mehr, konzentrieren uns auf den Mangel.

 

Und die anderen scheinen uns glücklicher. Glück fühlt sich gut an. Daher jagen wir ihm nach. Und wir stellen rasch fest, dass das Glück nicht von Dauer ist. Dem Glück ständig hinterher zu laufen ist unbefriedigend und was uns noch mehr frustriert: Je mehr wir uns bemühen, nur noch angenehme Gefühle zuzulassen, desto größer wird die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, sobald sie uns entgleiten.

Genau hier setzt ACT an. Dieser Ansatz hilft dir dabei für dich wertgeschätzte, existenzielle Lebensziele zu erarbeiten, um engagiert und entschlossen danach zu handeln. Emotionales Vermeidungsverhalten darf aufgeben werden und so folgt daraus die Freiheit ein wert- und sinnvolles Leben führen zu können.

Ein wichtiger Punkt ist, die folgenden Mythen zum Thema Glück loszulassen, denn sie bringen soviel Leid mit sich.

 

Mythos 1: Glück ist der natürliche Zustand des Menschen.

Mythos 2: Wenn du nicht glücklich bist, stimmt mit dir etwas nicht.

Mythos 3: Um unser Leben zu verbessern, müssen wir negative Gefühle loswerden.

Mythos 4: Du solltest in der Lage sein, deine Gefühle zu kontrollieren.

 

Hilfreicher ist es, Einstellungen zu entwicklen wie…  Die Art wie wir Menschen denken und fühlen schafft unweigerlich psychisches Leid. Wir können uns nicht zwingen „nicht an etwas bestimmtes zu denken“ oder „ein Gefühl nicht zu fühlen“. Willenskraft reicht da nicht aus. Leben mit einer Vielfalt von Gefühlen ist ausgefüllt, interessant und kann sehr zufrieden machen. Wieso es so scheint als würden andere es hinkriegen? Weil sie uns ihre „Fassade“ präsentieren. Wie es ihnen wirklich geht, verstecken sie im Alltag.

 

Wichtig ist sich vor Augen zu führen: Jedes Leben beinhaltet Leid, zum Beispiel Trennung, Abschiede, Verluste, Krankheiten. Dieses Leid bringt Gefühle mit, die unangenehm sind. Traurigkeit, Hilflosigkeit, Angst. Dazu kommen Zweifel, Sorgen, die Einsicht für uns, dass wir nicht perfekt sind und die Furcht, wieder verletzt zu werden.

Eine Lösung für den Umgang mit diesem Leid ist Akzeptanz. Das Annehmen unangenehmer Gefühle und Gedanken lässt einen Raum entstehen. Innere Abschieds- und Lösungsprozessen können in diesem Raum stattfinden. Solche Prozesse sind natürlich und finden einfach „von allein“ statt. Die Natur hat uns mit allem ausgestattet, was wir brauchen, um sie zu durchlaufen.

 

Wir „potenzieren“ dieses Leid häufig durch Nicht-Akzeptanz und vergrößern es. So blockieren wir die natürlichen Verarbeitungsprozesse. Wir leugnen, hadern, verdrängen, betäuben uns, Zerdenken das Thema und die damit zusammenhängenden Gefühle und Gedanken. Und oft bewegen wir uns dadurch nicht mehr weiter. Wir wählen einen Weg, der in einen Zustand führt, den wir nie haben wollten.

Ein Beispiel: dein Partner trennt sich. Du willst nicht wahrhaben, dass die Beziehung vorbei ist. Du versucht, das Problem irgendwie doch noch zum Guten zu wenden. Du versuchst das Problem mit besonders großer Anstrengungen zu lösen. Vielleicht denkst du viel darüber nach, was du tun kannst, um ihn zurückzugewinnen. Oder du durchdenkst wieder und wieder, wie es soweit kommen konnte. (potenziertes Leid 1. Ordnung) Du fordert vielleicht immer wieder Gespräche und Erklärungen ein. Wieder und wieder gehst du frustriert aus den Gesprächen raus. Das alles ist anstrengend, das raubt dir den Schlaf. Du trinkst ein Gläschen Wein zuviel, um den Schmerz zu betäuben. Oder machst exzessiv Sport. (potenziertes Leid 2. Ordnung) Du kannst dich auf andere Dinge nicht mehr konzentrieren, machst Fehler im Job. Du zweifelst plötzlich hier (auch) an deinen Fähigkeiten. (potenziertes Leid 3. Ordnung)

Wenn du dich in einer solche Situation befindest, solltest du deine Selbstanalyse auf natürliches vs „potenziertes“ Leid konzentrieren. Besonders interessant sind die Situationen, in denen du den Eindruck hast, festzustecken oder gegen Gedanken und Gefühle anzukämpfen. Fragen, die dir dabei helfen können:

Was ist der Auslöser für das natürliche Leid?

Welche Gefühle, Gedanken, körperliche Empfindungen und Erinnerungen treten damit verbunden auf?

Was hast du dann getan? Hast du gegen diese Dinge angekämpft? Hast du etwas unternommen, um dich möglichst schnell besser zu fühlen? Bist du irgendwie davon gelaufen? Wie?

Welche Konsequenzen hatte dies? (kurzfristig, mittelfristig) Welche unangenehmen Effekte entstanden zusätzlich?

 

Situationen so zu analysieren ist aus verschiedenen Gründen hilfreich: Dadurch, dass wir uns mit dem sauberen Leid befassen, verliert es schon etwas von seinem Schrecken. „Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei“ (Theodor Litt). Es ist ein erster Akt der Bereitschaft, das Leid anzunehmen. Darüber hinaus ermöglicht das Hinschauen, dass du verarbeitest, was du siehst. Es wird einfacher „Ja“ dazu zu sagen, wenn du genau hinschaust. Du wirst auch erkennen, dass Bemühungen nach Kontrolle und Vermeidung von Schmerz einen hohen Preis haben.

All das kann dir helfen, in die Annahme der Situation mit ihrem ganzen natürlichen Schmerz zu kommen. Das meint Akzeptanz. Das Leben so anzunehmen und sogar zu lieben, mit all seinen Höhen und Tiefen.